Maren Wulf

 

Die Abkühlung hielt bei beiden nicht lange an, denn der Pfad verlief jetzt nur noch bergauf. Drückend stand die Hitze selbst unter dem Blätterdach. Kein Lüftchen bewegte sich. Plötzlich hörten sie ein Knacken im Gebüsch.

Sofort bückte Gordon sich und nahm einen Stein auf.

»Was war das?«, flüsterte Nele ängstlich.

»Das weiß ich auch noch nicht so genau. Aber nimm besser auch einen Stein, oder besser noch, den Knüppel dort.«

Wieder ein Knacken, dieses Mal näher als beim ersten Mal. Gordon blieb stehen und hinderte auch Nele am Weitergehen. Mit den Augen suchte er die Gegend ab, aus der das Knacken gekommen war, konnte aber nichts sehen. Deshalb ging er zögernd ein paar Schritte weiter.

Plötzlich raste vor ihnen ein Pavian über den Pfad, blieb abrupt auf der anderen Seite kurz stehen, blickt sich nach ihnen um, bleckte die Zähne und brüllte laut los.

»Nicht hinsehen! Sieh ihn nicht an!«, flüsterte Gordon der zitternden Nele zu.

»Heb den Knüppel langsam!«

Auch Gordon sah den männlichen Pavian, der sie beide mit seinem Gehabe zu beeindrucken versuchte, nicht in die Augen. Wenn er eins sicher wusste, dann war es das, dass man dem Blick eines Affen in Rage nicht begegnen durfte. Das würde einer Herausforderung gleichkommen.

Immer noch standen sie sich gegenüber, nicht einmal drei Meter auseinander. Nele sah nur noch auf ihre Füße und dachte daran, wie schön es doch wäre, wenn sie ihren morgigen Geburtstag noch erleben dürfte. Gordon gingen ähnliche Gedanken durch den Kopf. Er hatte so viel Schönes für dieses erste gemeinsame Wochenende geplant. Schließlich fing der Pavian ganz unbeteiligt an, ein paar Grassamen aus einer Ähre zu klauben. Immer noch äugte er mit nun gesenktem Kopf zu ihnen hinüber. Dann setzte er sich auch noch in aller Ruhe auf seinen, wie Nele fand, verunstalteten Hintern und begann nun intensiv mit der Nahrungsaufnahme.

Ein Geräusch ließ ihn hochfahren. Ein anderer Pavian hatte sich oben im Baum genähert, ebenfalls ein Männchen, wie Gordon aus den Augenwinkeln sehen konnte. Eines von beiden musste das Alphamännchen sein, und das hieß, dass sie sich gleich einen Kampf liefern würden. Richtig, keine Sekunde nach dem Erscheinen des anderen sprang der Affe, der dicht bei Nele und Gordon gesessen hatte, an den Baum und kletterte daran hinauf, dem anderen Männchen auf den Fersen. Die beiden Menschen waren vergessen, als die Paviane in einem wahren Affenzahn von Baum zu Baum hasteten.

Nele atmete hörbar erleichtert aus.

»Hätten die uns etwas tun können?«

»Ja, aber nur, wenn wir uns falsch verhalten hätten. Deshalb habe ich dir auch sofort gesagt, dass du ihm nicht in die Augen gucken sollst. Damit provozierst du ihn. Aber ich glaube, das wusstest du auch, oder?«

»Nicht wirklich. Ich merke immer wieder, dass ich in der Natur hier noch nicht richtig zu Hause bin. Das kommt sicher noch.«

»Weißt du, was ich einmal während meines Zoologoiestudiums erfahren habe? Eine Tierforscherin, die schon über Jahre einer Horde Paviane folgte und die die Affen in ihrer Nähe durchaus duldeten, wurde eines Tages fast tödlich verletzt, als sie nämlich in einem Moment, den sie unkonzentriert war, dem Alphatier in die Augen sah. Wäre der Kameramann nicht bei ihr gewesen, weil er Filmaufnahmen machte, hätte das Männchen sie zerfleischt. Also, es geht nicht nur dir so, dass du manches vergisst.«

»Ob mich das tröstet, weiß ich allerdings nicht, Gordon. Bist du traurig, wenn wir den Weg nicht fortsetzen sondern zurückgehen? Vielleicht können wir uns noch ein bisschen ans Meer begeben. Sonne würde deiner Haut nämlich auch nicht schaden, habe ich vorhin feststellen können. Ein bisschen wenigstens.«