Maren Wulf

 

Kein weiteres Fahrzeug stand auf dem Parkplatz, von dem aus sie die Wanderung an Gericke’s Point machen wollte. Es war noch sehr früh. Wahrscheinlich war deshalb niemand außer ihr in dieser Bucht. Selbst für Hundebesitzer war dies eine frühe Stunde. Der Strand lag im Morgenlicht vor ihr, die Sonne war eben am Horizont aufgegangen, dort wo sich Himmel und Meer trafen. Möwen nutzten die erste Wärme, die Thermik, um sich bis über die Steilkante tragen zu lassen. Über dem aufgewühlten Meer schoss eine Schar Kormorane vorbei. Kein Laut war von Ihnen zu hören. Hingegen kamen die unterschiedlichsten Gesänge aus dem dichten Busch, der die Steilkante bewuchs. Scheinbar ging es darum, den ersten Preis bei einem Wettbewerb zu gewinnen. Über zarte Duette, wenig  harmonische Töne und einfallsreiche Melodien war alles zu hören. Jeder Vogel nutzte die Gunst der Stunde.

Ich habe offenbar den ganzen Strand für mich, dachte Paula. Sie setzte sich ihren Sonnenhut auf, nahm aber an, dass er ihr von der erstbesten Bö wohl vom Kopf gerissen werden würde. Es herrschte ein starker Wind. Dennoch wäre es gut möglich, dass der Wind auf der anderen Seite, hatte sie erst einmal den Löwenfelsen passiert, schwächer sein würde. Als sie am Flutsaum ankam, zog sie Schuhe und Strümpfe aus, um barfuß durch das auflaufende Wasser zu wandern. Das Wasser war angenehm warm. Der Indische Ozean tat sein Bestes, um ihr zu gefallen. Etwa zehn Wellenkämme liefen hintereinander auf den Strand. So eine Dünung gab es nur bei dieser Art Wind, dem Southeaster, oder auch Cape Doctor, wie ihn die Kapstädter liebevoll nannten. Wie schnell die auflaufenden Wellen ihre Fußspuren verschlangen, konnte Paula kaum glauben. Deshalb drehte sie sich immer wieder um, um es zu überprüfen.

Nach etwa einer halben Stunde passierte Paula den Löwenfelsen und erreichte damit den Abschnitt des Strandes, der bei Ebbe die von Seepocken übersäten Felsen freilegte und mit ihnen die Gezeitentümpel. In einem ersten so entstandenen Becken konnte Paula drei junge Haie entdecken. Allerdings reichte ihr Wissen nicht soweit, dass sie sagen konnte, um welche Art von Haien es sich handelte. In einem anderen Gezeitentümpel hatte eine rote Seeanemone ihre Tentakel wie ein Tausendschön seine Blütenblätter ausgebreitet und strahlte Paula entgegen. Diese konnte es nicht unterlassen, die Seeanemone mit einem kleinen Stöckchen zu berühren, um beobachten zu können, wie sie ihre Arme um ihre Mundöffnung herum schloss und sie dann quasi in selbige hineinstülpte. Nun würde es lange dauern, bis sie sich wieder öffnete, um auszusehen wie eine Blüte, wusste Paula.

Ihr schmerzten die Fußsohlen, die durch das Laufen auf den Seepocken erheblich gedrückt und zerkratzt wurden. Deshalb zog sie ihre Schuhe wieder an. Auf diese Weise konnte sie auch schneller ausschreiten, um von einem Gezeitentümpel zum nächsten zu gelangen. Plötzlich sah sie in etwa hundert Metern Entfernung etwas liegen, von dem sie zunächst dachte, dass es sich um einen jungen, vermutlich toten, kleinen Wal handelte. Da sie aber wusste, dass die sich hier, vor allem auch in dieser Zeit, nicht oder nur sehr selten aufhielten, wunderte sie sich sehr. Was konnte das sein, das dort auf der Kante eines Felsens am offenen Meer lag? Paula war neugierig, zog ihr Fernglas heraus und fokussierte auf das dort liegende Bündel. Dennoch konnte sie zunächst nicht erkennen, um was es sich handelte. Sie musste näher herangehen.

Wie ein Lumpenbündel sah es aus, als Paula sich näherte. Also kein Wal! Ein Schiff wird etwas über Bord geworfen haben, dachte sie sofort. Das war zwar verboten, aber dieses Verbot wurde immer wieder übergangen. Etwas unheimlich wurde ihr die Angelegenheit. Sie war vollkommen allein hier, keine Menschenseele weit und breit. Plötzlich regte sich in ihr der Gedanke, dass es sich um einen Menschen handeln könnte, der dort lag. Sie war jetzt bis auf zwanzig Meter herangekommen, nahm noch einmal Ihr Fernglas und besah sich das Bündel genauer. Und sie hatte Recht, es war ein Mensch, ein Mann, wie sie nun glaubte zu erkennen. Was machte er dort? Schlief er? Nein, er konnte unmöglich in solch einer Stellung schlafen. Seine Beine bewegten sich im Wasser, allerdings nicht gesteuert. Sehr bald merkte Paula, dass es die Wellen waren, die mit seinen Beinen spielten, sie vor- und zurückbewegten. Der Rest des Körpers erschien ihr leblos.

»Oh, Gott, ein Toter! Was soll ich mit dem machen? «, sprach sie beunruhigt laut mit sich selbst.

Festen Schrittes näherte sie sich dennoch dem Mann. Als sie an ihn herantrat, bemerkte sie, dass er nicht tot war, dass seine Brust sich langsam hob und senkte, sehr langsam. Dieser Gestrandete trug einen Surfanzug, eine zweite Haut aus Moltopren, wie die Surfer sie benutzten. Er lag auf dem Rücken, beide Arme seitlich von sich gestreckt und beide Beine wie Kelp, Algen, in den Wellen tanzend. Das empfand Paula als schlechtes Zeichen. Möglicherweise war er beim Surfen von einer Welle mit dem Rücken auf die Felsen geworfen worden und hatte sich dabei die Wirbelsäule verletzt, meldete sich ihr medizinisches Wissen. Paula nahm an, dass er seine Beine nicht bewegen konnte, dass sie leblos waren. Panik packte sie. Was sollte sie machen? Wie konnte sie diesem Mann helfen? Würde es ihm schaden, wenn seine Beine weiterhin von den Wellen gegen den Felsen gedrückt und wieder fortgezogen wurden? Konnte sie ihn vollständig aus dem Wasser ziehen? Oder würde sie damit eine eventuelle Verletzung der Wirbelsäule noch verschlimmern?

Sie hatte Angst ihn zu berühren, sie wollte nichts schlimmer machen, als es ohnehin schon sein konnte. Sie musste Hilfe rufen. Einen Arzt, einen Rettungshubschrauber vielleicht. Ja, darin sah sie die einzige Möglichkeit, ihm helfen zu können. Als sie ihr Handy aus der Tasche zog, hatte sie noch eine andere Idee. Sie machte ein Foto von ihm, damit die Ärzte später sehen konnten, wie er dort gelegen hatte. Eventuell würde das eine Hilfe für sie sein. Dann drückte sie die Nummer des Rettungsdienstes.

Verdammt, sie hatte keinen Empfang!

Wie so oft war ein Handy in einer Notsituation nutzlos. Was sollte sie nun machen? Sie versuchte es erneut, lief ein paar Schritte in die eine, dann in die andere Richtung. Alles half nichts. Sie bekam keinen Empfang. Sie ging zurück zum Verunglückten und kniete erneut nieder. Sie führte ihre rechte Hand an seine Wange, dann an seinen Hals, die Halsschlagader, um feststellen zu können, ob er bereits unterkühlt wäre und wie sein Puls ging. In dem Moment schlug der Mann die Augen auf, sah sie für den Bruchteil einer Sekunde an und blickte dann wirr in der Gegend umher. Er schien nicht zu wissen, was mit ihm passiert war. Der Mann öffnete den Mund, konnte aber keine Worte bilden. Wie ein Fisch auf dem Trockenen versuchte er es immer wieder neu, Mund auf, Mund zu, Mund auf. Das nutzte Paula, um ihm schnell ein paar Schluck Wasser aus ihrer Wasserflasche einzuflößen, denn er hatte bereits aufgesprungene Lippen.

»Regen Sie sich bitte nicht auf! Ich werde Ihnen helfen. Sie sind bei mir in guten Händen! «   

Stimmte das? Wie konnte sie so etwas sagen? Paula stand wieder auf. Noch einmal versuchte sie ihr Glück mit dem Handy, wieder ohne Erfolg. Kein Netz.

Langsam wuchs ihr die ganze Angelegenheit über den Kopf. Sie hätte sich hilfloser nicht fühlen können. Und nun hatte sie diesem wildfremden Menschen auch noch gesagt, dass er bei ihr in guten Händen war. Welch eine Übertreibung, welch ein Schwachsinn! Einen hilfloseren Menschen als sie hätte er sich als Retter nicht aussuchen können.

»Ich werde zu meinem Auto zurücklaufen und von dort, wo ich wieder Empfang mit meinem Handy habe, den Rettungsdienst anrufen. Bitte bleiben Sie einfach still liegen! «

Schon wieder so ein Blödsinn! Wie sollte er sich wohl bewegen? Er war doch gar nicht in der Lage dazu. Seine Augen hatte er inzwischen wieder geschlossen, wie auch seinen nach Worten ringenden Mund. Wie um ihm ein wenig Sicherheit zu vermitteln, strich sie noch einmal über seine Wange.

»Es wird schon alles gut! Sie müssen nur Geduld haben! Ich werde alles tun, was möglich ist. Ich wünschte allerdings, das wäre mehr! «

Sie zog ihre Jacke aus und legte sie ihm so vorsichtig sie dazu in der Lage war unter den Kopf. Mit beiden Händen umfasste sie diesen und bewegte ihn so wenig wie möglich. Einmal flößte sie ihm noch Wasser ein und rieb ihm dann, einer inneren Eingebung folgend, das Gesicht mit ihrer Sonnencreme ein, damit es nicht weiter verbrannte. Die Schürfwunden, die er sich zugezogen hatte, ließ sie dabei sorgsam unbehandelt. Dann stand sie auf und eilte Richtung Parkplatz davon. Immer wieder blieb sie stehen, um die Einsatzmöglichkeiten Ihres Handys auszuprobieren, aber nur, um erneut festzustellen, dass sie keinen Empfang hatte. Ob das etwas mit der Steilküste zu tun hatte? Wo war eigentlich der nächste Sender? Auf so etwas hatte sie in ihrem Leben noch nicht geachtet.

Vollkommen außer Atem erreichte sie den Parkplatz, unternahm einen letzten Versuch, über Handy jemanden zu erreichen und stieg schließlich in ihr Auto ein, um davonzubrausen. Im Rückspiegel sah sie, wie ihre Art der Abfahrt zwei enorme Sandbögen hinter ihrem Auto entstehen ließ. Noch bevor sie die N2 erreichte, hielt sie den Wagen zu einem erneuten Versuch an. Dabei sprang sie so abrupt auf die Bremse, dass das Auto auf der Sandpiste in Schlingern geriet.                 Sie hatte das Handy bereits am Ohr, während sie fluchend versuchte, den Wagen in der Spur zu halten, als ihr eine Stimme aus dem Telefon eine Frage stellte.

»Was haben Sie gesagt? «

Sie war so verdutzt darüber, jemanden sprechen zu hören, dass sie zunächst gar nicht reagieren konnte. Deshalb fragte die Stimme

erneut:

»Warum haben sie uns angerufen? Bitte melden Sie sich doch! Ist Ihnen etwas passiert? «

»Entschuldigen Sie bitte, ich war nur so verblüfft, dass ich endlich jemanden am Telefon hatte. Sie müssen bitte dringend kommen! «

»Sie sollten mir erst einmal sagen, worum es sich handelt, junge Frau! Auch wäre es hilfreich, wenn Sie mir sagen würden, wo sie sind, wie viele Personen verletzt sind, ob Kinder dabei sind. Hallo, hören Sie mich noch? Die Verbindung ist sehr schlecht. «

»Ja, ich höre Sie. Es geht um eine männliche Person, die bei Gericke’s Point, etwa am Ende der Bucht, offensichtlich beim Surfen mit dem Rücken auf einen Felsen geworfen wurde. «

»Wie alt ist der Mann? Lebt er? Hat er sichtbare Verletzungen? «

»Ich schätze ihn auf gut vierzig. Ja, und er lebt. Zumindest war das so, als ich ihn verlassen habe. Sichtbare Verletzungen hat er nicht außer ein paar Schürfwunden im Gesicht. - Aber wissen Sie, Sie werden dort nicht mit dem Rettungswagen hingelangen. Abgesehen davon, dass das wegen der herannahenden Flut zu lange dauern würde, kämen sie auch nicht an den Mann heran. Sie sollten einen Helikopter einsetzen. Ist das möglich? «

»Junge Frau, das lassen Sie mal unsere Sorge sein! - Welcher Art könnten seine Verletzungen ihrer Meinung nach sein? «

»Ich fürchte, dass seine Wirbelsäule beschädigt wurde. Seine Beine treiben im Wasser und wirken fremd gesteuert.  Darf ich Sie bitten, so schnell wie möglich zu kommen, ich fürchte um sein Leben! Er war schon ziemlich unterkühlt.  Außerdem haben wir in Kürze wieder Hochwasser. Und er würde ertrinken. Bitte kommen Sie, so schnell Sie können! Ich werde vor Ort auf Sie warten. «

Paula wunderte sich über sich selbst. Sie war auf einmal so ruhig, so besonnen und konnte dem Mann am Telefon exakte Auskünfte geben. Vielleicht steckte doch noch ein bisschen von der medizinischen Ausbildung in ihr? Wo war ihre Panik geblieben? Die männliche Person auf der anderen Seite hatte zum Glück schließlich versichert, dass man so schnell wie möglich einen Helikopter schicken würde. Deshalb wendete Paula ihren Wagen und lenkte ihn in Windeseile wieder zum Parkplatz zurück. Ein zweites Mal an diesem Tag rannte sie den Strand entlang, so schnell ihre kurzen Beine sie tragen konnten. Atemlos erreichte sie den Verletzten, kniete sich zu ihm nieder und sagte:

»Sie ... kommen ... gleich. Ihre ... Retter ... sind ... unterwegs. Sie kommen mit einem ... Helikopter. Sie brauchen ... keine Angst ... mehr ... zu haben. Alles ... wird ... gut. «

Ihre Worte kamen nur stoßweise. Sie war vollkommen außer Atem. Wie um die Wirkung ihrer Worte zu unterstreichen, strich sie ihm zart über das Gesicht. Noch einmal öffnete er seine Augen, die inzwischen vollkommen glasig wirkten, und sah sie an. Sein Blick wirkte nicht wirr wie beim ersten Mal, ganz im Gegenteil, Paula gewann den Eindruck, dass er wusste, dass er gerettet werden würde. Und wenn es ihm auch nicht gelang, ihr etwas zu sagen, so schloss und öffnete er offensichtlich unter großer Mühe einmal seine Augen. Sie empfand das als Zeichen dafür, dass er sie verstanden hatte. Nun setzte sie sich neben ihn auf die inzwischen vom Meer bereits wieder beleckten Felsen, denn das Hochwasser würde nicht mehr lange auf sich warten lassen, nahm vorsichtig seine linke Hand und hielt sie fest. Auch gab sie ihm ein weiteres Mal schluckweise zu trinken.

Das Hochwasser stieg weiter.....